Vitamin D: Streit ums Sonnenvitamin

Vitamin D: Streit ums Sonnenvitamin

http://bit.ly/2CQZwH8

Knapper lässt sich ein Mythos wohl nicht erschüttern. “Vitamin D und
Fischöl sind ineffektiv in der Prävention von Krebs und Herzinfarkten”, titelte jüngst die
New York Times. Enttäuscht musste sein, wer gehofft hatte, regelmäßig geschluckte
Vitamin-D-Kapseln schützten vor allerlei Übeln. Schließlich hatten Ärzte, Heilpraktiker und
Medien jahrelang vom Vitamin D als Allheilmittel geschwärmt.

Die Meldung platzte in die dunkle Jahreszeit, die Hochsaison des Vitamin-D-Konsums. Nicht umsonst wird der Stoff auch “Sonnenvitamin” genannt. Es entsteht im Körper selbst, wenn UV-B-Strahlung auf die Haut trifft, im dunklen Winter aber sinkt diese Produktion um bis zu 90 Prozent. Ein Schwund, der mit Vitamin D aus Lebensmitteln kaum zu kompensieren ist. In Kombination mit sonnenarmer Büroarbeit führe dies dazu, dass der Vitaminmangel um sich greife. Bedenklich, gab es doch in den vergangenen Jahren immer mehr Berichte über positive Effekte des Vitamins: Es soll die Knochen stärken, das Diabetes-Risiko mindern, die Herzgesundheit steigern, vor bestimmten Krebsformen und Allerweltsschnupfen schützen, die Symptome von Depressionen abmildern, die Muskeln kräftigen sowie das Risiko für Multiple Sklerose, Parkinson, Asthma und Frühgeburten reduzieren … Viele Menschen ließen ihren Vitamin-D-Spiegel bestimmen und schluckten Tabletten. Doch gerade titelte das
Deutsche Ärzteblatt:
“Nahrungsergänzung mit Vitamin D hilft nicht gegen Osteoporose”.

Was stimmt denn nun?

Beginnen wir ganz von vorn. Dass ein extremer Vitamin-D-Mangel tatsächlich schadet, belegt die Geschichte. Zur Zeit der industriellen Revolution hausten Kinder in dunklen Kellern, ihre Knochen blieben weich und verformten sich. Rachitis heißt die Geißel. Obwohl sie inzwischen extrem selten ist, rät die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde immer noch, Säuglingen bis zum Ende des ersten Lebensjahres täglich eine Extradosis Vitamin D zu geben.

Vitamin D

Eigentlich ist Vitamin D ja ein Hormon – und an den unterschiedlichsten Stoffwechselvorgängen beteiligt, etwa im Kalzium- und Phosphathaushalt des Körpers. Es fördert etwa die Aufnahme von Kalzium aus dem Magen-Darm-Trakt. Unter Sonnenlicht (genauer: UV-B-Strahlung) entsteht in der Haut aus Cholesterol ein Vorläufer-Molekül, das dann über Zwischenstufen im Körper in das aktive Vitamin D3 umgewandelt wird. Die Menge an Vitamin D3 als Wirkstoff wird in Internationalen Einheiten (IE) oder Mikrogramm (µg) angegeben; dabei entspricht 1 µg 40 IE. Der Tagesbedarf eines Erwachsenen ist 800 IE.

“Bislang ist nur eindeutig belegt, dass Vitamin D eine Auswirkung auf die Knochengesundheit hat”, sagt Martina Rabenberg, Gesundheitswissenschaftlerin vom Robert Koch-Institut. Das habe eine ganze Reihe von Gründen. “Vieles, was wir in den vergangenen Jahren gehört und gelesen haben”, sagt Rabenberg, “waren Ergebnisse von Beobachtungsstudien.” Das heißt, man beobachtet zum gleichen Zeitpunkt sowohl eine bestimmte Erkrankung als auch niedrige Vitamin-D-Spiegel und legt deshalb einen Zusammenhang nahe. Doch was ist Ursache und was Wirkung? “Es kann sein, dass Vitamin-D-Mangel zu bestimmten Krankheiten führt”, erklärt Rabenberg, “aber es kann auch sein, dass beispielsweise Krebskranke oder Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht mehr richtig aus dem Haus kommen und deshalb kein Vitamin D bilden können.”

Das verlässlichere Gegenmodell zur Beobachtungsstudie sind randomisierte kontrollierte Studien. Diese aber seien oft zu klein gewesen oder zu kurz gelaufen, oder der Ausgangswert des Vitamin-D-Spiegels wurde zu Beginn der Studie nicht bestimmt. Und mitunter war der behauptete Vitamin-D-Effekt gar nicht das Hauptziel einer Studie, sondern wurde nachträglich festgestellt – was die Aussagekraft der Ergebnisse schwächt. So stehen viele Annahmen zum Nutzen von Vitamin D auf schwankendem Grund.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 02/2019. Hier können Sie die gesamte Ausgabe lesen.

Nun wurde zum ersten Mal eine Studie veröffentlicht, die vieles gründlicher angegangen ist. Mit rund 26.000 gesunden Probanden ist es der größte jemals unternommene Versuch zu den Gesundheitseffekten von Vitamin D (und Fischöl). Die Teilnehmer wurden zufällig in Gruppen eingeteilt, die entweder Vitamin D3, Fischöl, eine Kombination von beidem oder ein Placebo erhielten. Dann wurden die Teilnehmer rund fünf Jahre lang beobachtet. Im Vergleich zum Placebo senkte die Vitamin-D-Gabe weder die Häufigkeit von Krebsneuerkrankungen noch von Herzinfarkten oder Schlaganfällen. Darüber hinaus tut sich die Forschung schwer, die Indizien in eine klare Ursache-Wirkung-Beziehung zu setzen.

Wer wissen möchte, ob ein Vitamin-D-Mangel schädlich ist, muss erst einmal definieren, was eigentlich ein Mangel ist. Und schon über diese zentrale Frage gibt es Zwist. Der amerikanische Arzt und Biochemiker Michael Holick etwa führt viele Erkrankungen auf einen Vitamin-D-Mangel zurück. Er verfolgt eine Mission, für die er unablässig in Gremien wie der amerikanischen Gesellschaft für Endokrinologie trommelt. 2007 postulierte er im
New England Journal of Medicine,
dass bereits Gesundheitsgefahren drohten, wenn die Konzentration des Vitamins im Blut unter 30 Nanogramm pro Milliliter sinke. Ein Großteil der Bevölkerung leide demnach an einem Mangel.

Wissenschaft

via ZEIT ONLINE: FuW http://bit.ly/2Tsu1sk

January 5, 2019 at 10:46AM